Rettungswestenpflicht in Kroatien

Rettungswestenpflicht kroatien sportboote

Rettungswestenpflicht in Kroatien: Wann muss die Weste wirklich getragen werden?

30 Grad, strahlender Sonnenschein, kaum eine Welle und wir tuckern gemütlich mit fünf oder sechs Knoten durch die Adria. Rettungsweste? Bei diesem Wetter? Genau über diese Frage wird unter Bootsfahrern immer wieder diskutiert. Und wie so oft gibt es die unterschiedlichsten Aussagen: „In Kroatien muss inzwischen jeder eine Rettungsweste tragen“, „Das gilt nur für Kinder“, „Erst ab 20 Knoten“ oder „Die Weste muss nur an Bord sein“.

Wir wollten es deshalb genauer wissen und haben uns nicht auf Aussagen in Facebook-Gruppen und Bootsforen verlassen, sondern in den kroatischen Vorschriften nachgesehen. Und dabei gibt es tatsächlich eine Regelung, die wahrscheinlich viele Bootsfahrer nicht kennen.

Zunächst: Mitführen und Tragen sind zwei verschiedene Dinge!

Grundsätzlich müssen auf kroatischen Sportbooten Rettungswesten für die Personen an Bord vorhanden sein. Welche Ausstattung diese Westen haben müssen, hängt unter anderem vom Fahrtgebiet und vom Boot ab. Für privat genutzte Sportboote in den Fahrtgebieten III, IIIa, IIIb, IIIc und IV schreibt der kroatische „Pravilnik o brodicama, čamcima i jahtama“ Rettungswesten für alle während der Fahrt an Bord befindlichen Erwachsenen und Kinder vor. Für die Fahrtgebiete I und II müssen die Westen zusätzlich mit Pfeife und selbstzündendem Licht ausgestattet sein.

Das bedeutet zunächst aber nur: Die Rettungswesten müssen an Bord vorhanden sein. Das ist noch keine allgemeine Verpflichtung, sie während der gesamten Fahrt zu tragen. Bei schnellen Booten sieht die Sache allerdings anders aus.

Die 20-Knoten-Regel

In der kroatischen Verordnung findet sich folgende Regelung: Alle Personen auf Brodicas, deren Geschwindigkeit 20 Knoten überschreitet, müssen während der Fahrt Rettungswesten tragen, sofern sie sich nicht in einem geschlossenen Raum befinden. Das steht tatsächlich so – als ausdrücklicher Hinweis – im Pravilnik o brodicama, čamcima i jahtama, NN 13/2020.

Wichtig dabei: Diese Vorschrift ist nicht neu. Sie stammt bereits aus dem Jahr 2020! Es handelt sich also nicht um eine neue Rettungswestenpflicht, die erst 2026 eingeführt wurde.

Nach der aktuellen kroatischen Definition ist eine brodica: ein für die Seefahrt bestimmtes Wasserfahrzeug, das höchstens 12 Passagiere befördern darf und dessen Rumpflänge mehr als 2,5 m und höchstens 15 m beträgt oder dessen Gesamtantriebsleistung mehr als 5 kW beträgt

„über 20 Knoten“ – was genau bedeutet das für Bootsfahrer??

Hier wird es interessant. Eine häufige Interpretation lautet: „Wenn ich langsamer als 20 Knoten fahre, brauche ich die Weste nicht.“ So einfach ist es offenbar nicht. An anderer Stelle derselben Verordnung wird die 20-Knoten-Grenze ausdrücklich mit der maximalen Geschwindigkeit des Bootes beschrieben. Dort heißt es sinngemäß:

„Sportboote mit einer maximalen Geschwindigkeit von mehr als 20 Knoten müssen – unabhängig von ihrem Verwendungszweck – entsprechend mit Rettungswesten ausgestattet sein.“

Damit spricht vieles dafür, dass die entscheidende Grenze nicht die gerade gefahrene Geschwindigkeit, sondern die maximale Geschwindigkeit des Bootes ist. Und das macht einen erheblichen Unterschied. Ein Beispiel: Ein 7-Meter-Motorboot erreicht maximal 35 Knoten. Der Skipper fährt gerade gemütlich mit 6 Knoten. Trotzdem gehört das Boot zur Kategorie der Sportboote, deren Geschwindigkeit 20 Knoten überschreitet.

Nach unserem Verständnis des übersetzten kroatischen Verordnungstextes greift damit die Tragepflicht während der Fahrt trotzdem. Also nicht: ab 20,1 kn → Weste an und bei 19 kn → Weste aus. Genau diese Vorstellung lässt sich aus dem Wortlaut und der Systematik der Verordnung leider nicht ableiten.

Wer muss die Rettungsweste tragen?

Auch hier ist die kroatische Vorschrift erstaunlich eindeutig. Die Verordnung spricht von: „Sve osobe“ – allen Personen. Damit sind nicht nur Skipper oder Kinder gemeint. Auf einem unter die 20-Knoten-Regel fallenden Sportboot betrifft die Vorschrift grundsätzlich:

  • Skipper,
  • Crew,
  • Gäste,
  • Erwachsene und
  • Kinder.

Die Verordnung erwähnt Erwachsene und Kinder auch bei den Ausrüstungsvorschriften ausdrücklich.

Gibt es eine Ausnahme?

Ja – und auch die steht ausdrücklich in der Vorschrift. Wer sich in einem geschlossenen Raum befindet, muss nach dieser Regelung keine Rettungsweste tragen. Bei einer geschlossenen Kabine oder Salon ist die Sache ziemlich eindeutig. Anders sieht es unserer Ansicht nach aus bei offenem Cockpit, Flybridge, Vorschiff oder offenem Steuerstand.

Das sind keine geschlossenen Räume. Interessant könnte es bei einem teilweise geschlossenen Hardtop werden. Für solche Grenzfälle konnten wir keine amtliche Definition finden, die zweifelsfrei festlegt, wann ein Bereich für diese Vorschrift als „geschlossener Raum“ gilt. Wer Diskussionen bei einer Kontrolle vermeiden möchte, sollte sich im Zweifel für die sicherere Variante entscheiden.

Muss ich die Weste auch vor Anker tragen?

Nach dieser Vorschrift: eindeutig nein. Im kroatischen Original steht: „za vrijeme plovidbe“also während der Fahrt bzw. Navigation. Daraus ergibt sich ein zunächst etwas merkwürdig klingendes Beispiel: Ein schnelles Motorboot liegt in einer Bucht vor Anker: Keine Tragepflicht aufgrund der 20-Knoten-Regel. Das gleiche Boot verlässt die Bucht mit fünf Knoten: Die Tragepflicht kann greifen, weil das Boot selbst zur >20-kn-Kategorie gehört.

Und was ist mit Kindern?

Auch hier kursieren viele unterschiedliche Aussagen. Die von uns untersuchte 20-Knoten-Vorschrift unterscheidet nicht zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie spricht ausdrücklich von „allen Personen“. Damit sind Kinder auf einem entsprechenden Boot selbstverständlich eingeschlossen. Bei der speziellen Regel für schnelle Passagierboote werden Kinder sogar nochmals ausdrücklich genannt. Eine davon unabhängige allgemeine Vorschrift nach dem Muster „Jedes Kind muss auf jedem privaten Sportboot in Kroatien jederzeit eine Rettungsweste tragen“ lässt sich aus der hier untersuchten Regelung dagegen nicht ableiten. – Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es sinnvoll wäre, Kinder ohne Rettungsweste im offenen Cockpit oder auf dem Vorschiff herumturnen zu lassen. Hier geht es ausschließlich um die Frage, was die konkrete gesetzliche Vorschrift verlangt.

Welche Rettungsweste brauche ich?

Auch das sollte man nicht ganz außer Acht lassen. Die kroatische Verordnung unterscheidet nach Fahrtgebiet und Boot. Für Sportboote mit einer maximalen Geschwindigkeit von mehr als 20 Knoten sieht die Vorschrift für bestimmte Fahrtgebiete Rettungswesten für alle an Bord befindlichen Personen vor. Dabei können je nach Fahrtgebiet bzw. Nutzung zusätzliche Anforderungen wie Pfeife und selbstzündendes Licht gelten.

Deshalb ist: Ich habe irgendwo fünf alte Schwimmwesten in einer Backskiste“ nicht unbedingt dasselbe wie: Ich habe die vorgeschriebene Sicherheitsausrüstung an Bord.“ Gerade vor einem längeren Törn lohnt sich deshalb ein Blick auf die vorhandenen Westen. Mehr Komfort bieten Automatik-Westen, nicht zuletzt, weil sie weniger Stauraum einnehmen und sich angenehmer tragen lassen. Allerdings sind sie auch in der Anschaffung teurer und müssen regelmäßig von einem Fachbetrieb gewartet werden.

Gilt das nur für Motorboote?

Interessanterweise spricht die Vorschrift nicht einfach von „Motorbooten“, sondern von „brodica“. Das ist, wie oben schon geschrieben, eine fest definierte kroatische Fahrzeugkategorie. Deshalb sollte man die Regel nicht einfach mit „Motorboote über 20 Knoten“ übersetzen. Für die meisten klassischen Fahrtensegler dürfte die 20-Knoten-Grenze ohnehin keine praktische Rolle spielen. Bei schnellen Sport- und Performancebooten kann die Einordnung dagegen interessant werden. Ebenso sollte man den kroatischen Begriff „brodica“ nicht einfach mit „Yacht“ gleichsetzen. Die kroatischen Vorschriften unterscheiden zwischen Brodica und Yacht.

Und was ist mit deutschen oder österreichischen Booten?

rettungswestenpflicht ausländische boote in kroatien

Das ist einer der Punkte, bei denen man besonders vorsichtig sein sollte. Der Anwendungsbereich des kroatischen Regelwerks umfasst nicht ausschließlich kroatisch registrierte Fahrzeuge. Offizielle kroatische Informationen weisen darauf hin, dass Vorschriften des Pravilnik o brodicama, čamcima i jahtama unter den dort genannten Voraussetzungen auch für Sportboote (Brodica) und Yachten gelten, die in den kroatischen inneren Meeresgewässern und im Territorialmeer fahren.

Daneben existieren besondere Vorschriften für die Einreise und den Aufenthalt ausländischer Sportboote und Yachten in kroatischen Gewässern. Das kroatische Seefahrtsministerium führt diese Regelungen ausdrücklich in seinem Bereich „Sport i razonoda“ auf. Wir würden deshalb einem deutschen oder österreichischen Bootsfahrer nicht empfehlen, die 20-Knoten-Regel mit dem Argument zu ignorieren, sein Boot sei schließlich nicht in Kroatien zugelassen. Bei technischen Ausrüstungs- und Zulassungsfragen ausländischer Boote kann die rechtliche Situation allerdings differenzierter sein.

Warum wird darüber gerade wieder so viel gesprochen?

Vermutlich auch, weil Kroatien die Kontrollen auf dem Wasser verstärkt.Bei der landesweiten Aktion Sigurna plovidba 2026“ wurden Ende Juli innerhalb eines Tages 382 Inspektionskontrollen durchgeführt und 182 Verstöße festgestellt. Das kroatische Ministerium kündigte weitere verstärkte Kontrollen während der nautischen Saison an.

Bei einer vorherigen Aktion im Raum Rijeka waren bereits 81 Kontrollen durchgeführt worden. Dabei wurden 13 Verstöße festgestellt und Geldbußen von insgesamt 4.563 Euro verhängt. Ein besonderer Schwerpunkt lag dort unter anderem auf Geschwindigkeitsverstößen und der Sicherheit der Schifffahrt. Es ist deshalb durchaus sinnvoll, sich nicht erst mit den Vorschriften zu beschäftigen, wenn das Boot der Kapetanija längsseits liegt.

Unser Fazit

Die oft gehörte Aussage In Kroatien muss jetzt jeder auf jedem Boot eine Rettungsweste tragen“ ist so nicht richtig. Aber genauso falsch kann die Aussage sein: Solange ich langsamer als 20 Knoten fahre, brauche ich keine Weste.“ Nach der Auswertung der kroatischen Vorschriften gilt für Sportboote, deren Geschwindigkeit über 20 Knoten liegt, grundsätzlich eine Tragepflicht während der Fahrt für alle Personen außerhalb geschlossener Räume. Und gerade Besitzer schneller Motorboote sollten sich diese Vorschrift einmal genauer ansehen.

Mal ganz abgesehen von der gesetzlichen Verpflichtung: Bei Bura, Gewitter, stärkerem Seegang, Nachtfahrt oder schwierigen Manövern sollte die Frage ohnehin nicht lauten: „Muss ich die Weste tragen?“ sondern eher: „Warum sollte ich sie jetzt nicht tragen?“

Hinweis zu unserer Recherche

Wir recherchieren solche Themen sorgfältig und greifen, wann immer möglich, direkt auf kroatische Gesetze, Verordnungen, Narodne novine sowie Veröffentlichungen der zuständigen kroatischen Behörden und Ministerien zurück.

Trotzdem möchten wir ausdrücklich darauf hinweisen, dass unsere Beiträge keine Rechtsberatung darstellen. Kroatische Gesetzes- und Verordnungstexte müssen für unsere deutschsprachigen Leser übersetzt und verständlich zusammengefasst werden. Dabei können trotz sorgfältiger Recherche Übersetzungs-, Interpretations- oder Übertragungsungenauigkeiten nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Hinzu kommt die Praxis vor Ort: Mitarbeiter der Lučka kapetanija, deren Außenstellen und der Polizei handeln innerhalb der geltenden Vorschriften und ihrer dienstlichen Anweisungen. Dabei können im konkreten Einzelfall Beurteilungs- und Ermessensspielräume bestehen und auch genutzt werden. Eine Situation auf dem Wasser kann daher von der zuständigen Behörde anders beurteilt werden, als es sich aus einer allgemeinen Zusammenfassung ableiten lässt.

Im Zweifel gilt deshalb immer: Den Anweisungen der zuständigen kroatischen Behörden vor Ort folgen und bei Unklarheiten direkt bei der zuständigen Lučka kapetanija nachfragen.

Rechtsgrundlage: Pravilnik o brodicama, čamcima i jahtama, insbesondere NN 13/2020 und Änderungen NN 52/2020.

© Sailprofessionals / Kornati Services d.o.o – Die Bilder dieses Beitrages wurden mit KI erstellt und dienen der Verdeutlichung